Von rechts läuft ein Rentier ins Bild entlang einer Fast weißen Holzwand, in der ein kleines, schmales Fenster ist. Auf dem Buchcover sind Titel Ans Kap und Untertitel Mit dem Fahrrad ans Nordkap zu lesen.

Ans Kap – Leseprobe

Ans Kap fand als Liveblogprojekt im Sommer 2015 statt. Virtuell konnte man die knapp dreimonatige Fahrradreise zum Nordkap im Blog und auf Twitter verfolgen. Aus den Blogartikeln entstand dieses eBook. Zwei Artikel aus der Mitte des Buches möchte ich Ihnen als Leseprobe ans Herz legen. Die Original-Blogtexte finden Sie in meinem Blog https://irgendlink.de (Projekt Ans Kap).

Zerlegt, vermischt, rearrangiert

Von rechts läuft ein Rentier ins Bild entlang einer Fast weißen Holzwand, in der ein kleines, schmales Fenster ist. Auf dem Buchcover sind Titel Ans Kap und Untertitel Mit dem Fahrrad ans Nordkap zu lesen.
Cover des eBooks Ans Kap

22. Juli 2015
Die Mitte. Der Punkt, an dem man von Anfang und Ende am weitesten entfernt ist und der, wenn man sich weit hineindenkt in das Prinzip der Unendlichkeit, eigentlich gar nicht existiert.
Der utopischste Ort im Universum ist die Mitte.
Ungefähr auf halber Strecke zwischen Zweibrücken und Nordkap liegt mein heutiges Tagesziel. Falun. 2300 Kilometer sind es ab dort bis ans Kap, wenn ich bis Pajala dem Sverigeleden folge und ab dort auf einer von zwei möglichen, etwa gleichlangen Routen etwa fünfhundert Kilometer weiter radele. Ungefähr 2200 Kilometer stehen jetzt auf dem Fahrradtacho.
Ich bin nie den geraden Weg gefahren, habe nie Abkürzungen genommen. Um der lieben Nerven willen. Abkürzungen bedeuten für den Radler fast immer Hauptverkehrsstraßen, Lärm, Dieselrußgestank und auch Gefahr.
Fünf Wochen fast nur auf Radwegen, in Deutschland sogar meist auf eigenen Radlerpisten entlang der Flüsse, in Schweden auf so ruhigen Autostraßen, dass man sie in Deutschland wohl wegen Unrentabilität nie gebaut hätte.
Das ist anders als 1995, dieses ruhige Radeln ohne Vorankommenswunsch.
Wahrscheinlich wäre das 1995 schon möglich gewesen. Den Sverigeleden gab es damals auch schon. Im alten Tagebuch konnte ich Einträge finden, die belegen, dass wir ihm im Norden teilweise folgten. Wir wussten nur nicht, was die grünen Schilder bedeuten, wohin der Weg führt. Internet um einfach mal zu fragen gab es ja nicht.
Die Mitte der Reise.
Nachdenklichkeit. Der Geist kommt fast zum Stillstand. Ich zerlege mich selbst. Das fühlt sich seltsam an. Es hat ein bisschen was von Die-Macht-abgeben. Die Macht über dieses Konstrukt, wie man die – will heißen: wie man seine – Welt sieht und erlebt. Fast wie die digital zerhackten Bilder, die man mit der App Decim8 erzeugen kann: ein Originalbild wird per Zufallsgenerator in Stücke gelegt und willkürlich wieder zusammengesetzt. Es entsteht etwas völlig anderes, wenn man das Spiel weit genug treibt.
Ob man das mit sich selbst und mit dem – seinem – Welt-Erleben auch so machen kann? Denkmuster zersetzen und rekonfigurieren. Gefühlsmuster gar. Handlungsmuster.
Das Leben, eine Kombination willkürlich erzeugter Muster?
Da kommt mir Zeltplatznachbar Thorsten gerade recht. Seit Mai wandert er durch Schweden. Rucksack und Zelt. Skizziert eben beim Gespräch beim Frühstück etwas über eBooks, die er gerade liest. Über den Duschtouristen, der kürzlich ganz früh, mit vor dem Waschhaus geparktem Auto und moderat leisem Radio, alle Zeltleute wachspielte, und über das Dalai Lama-Buch vom eigentlich nicht vorhandenen Ich, hangelten wir uns zu Überlegungen, warum wir uns überhaupt über irgendwas ärgern oder freuen, wenn es uns als Ich doch nur in einem willkürlich, über Jahre der Gewohnheit zusammengeschusterten Muster gibt, das wir für unser Ich halten.
Seit Tagen schon beschäftigt mich das Ich-Thema auf ganz anderer Ebene, bzw. auf der gleichen, wie eben beschrieben, nur weiß ich es vielleicht nicht? Wer bin ich, radelnd zum Nordkap? Wer ist dieser Irgendlink, den ich schuf und in wie weit ist Irgendlink ich und ich Irgendlink? Wo ist die Grenze? Wo die Schnittmenge? Wer sind die, die diese Texte lesen und die sich für sich halten, und mich für mich und wenn ich mir nun die Umgebung anschaue, hier auf dem Campingplatz, zwanzig Meter weiter packt Thorsten sein Zelt zusammen, wird er nicht erst dadurch ‚er‘, dass ich seine ‚Einzelteile‘ so zusammensetze, wie es mir beliebt? Und SoSo, direkt neben mir, im Schneidersitz auf der Isomatte, sie hat sich ein anderes Muster von ihm gebaut, eins, das ihrem Denk- und Fühlgefüge gehorcht.
Die gesamte Situation hier – Mensch sitzt bei Kaffee auf Zeltplatz in Schweden auf einer Isomatte und tippt seine Gedanken in die winzige Smartphonetastatur – ist ja schon ein Bild, das vielfach zerlegt werden könnte und neu zusammengesetzt.
Wenn es wenigstens eine absolute Mitte gäbe, nach der zu suchen es sich lohnte.

Der Urmeter des Schwedenreisens

24. Juli 2015
Frau SoSo erzählt mir irgendwas von 69 Kilometern, die es von Ludvika bis nach Falun „sind“. Google habe das gesagt und sie zeigt mir stolz die Strecke auf dem winzigen Smartphonebildschirm. Ein kleiner, blauer Wurm, der sich zwischen zwei blauen Flecken windet. Die Flecken sind der Runnsee bei Falun und der Våsmansee, an dem Ludvika liegt. Dazwischen ist grünes Nichts.
Auf der GPS Kit-App mit Open Cycle Map als Basiskarte sieht man die Radwege eingezeichnet als rote und blaue Linien, die alles andere tun, als der von Google vorgeschlagenen 69 Kilometer langen Strecke zu folgen.
Dennoch manifestiert sich diese Distanz in meinem Kopf. Zunächst geht’s durch Ludvika am Våsman entlang nach Nordwesten. Auf einer alten Bahnstrecke durchschneidet der Weg Granit und Wälder, überbrückt Tümpel und Rinnsale. Theoretisch könnte ich der Trasse folgen bis zum Ende des Sees und mich dort auf den Sverigeleden schwingen, der sich durch perfekte Beschilderung als Allheilmittel ruhigen Langstreckenradelns etabliert hat. Aber der Umweg ist mir denn doch zu groß.
Eine Abkürzung über Nebenstraßen scheint tauglich. Schnell stecke ich einige Punkte ab, um sie später anpeilen zu können.
Ich liebe es, ohne Kartengefummel und ohne ständiges aufs Handy schauen einfach so nach Schildern zu radeln. Und das hat bisher auch prima geklappt. Aber manchmal muss man eigene Wege gehen (ich sage dies mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und im Hinterkopf der Gedanke, immer geht man eigene Wege, auch dann, wenn man anderen Wegen folgt, denn der Weg wird durch seine Begehung zum eigenen Weg). Natürlich verirre ich mich und rausche an meiner selbst gewählten Abzweigung auf dem Runnsjön weiter zwei, drei, vier Kilometer, bis es mir dämmert und ich zurück radele, die Hauptstraße überquere und auf einem Waldweg einbiege.
Und was für einer. Ich folge Wegen, wie man sie im Pfälzer Wald oder im Schwarzwald kennt, breiten, geschotterten Pisten mit einem Streifen Grün in der Mitte. Das ist ein kleines Abenteuer, was der Herr Irgendlink da abgesteckt hat. Knapp 2,5 Meter breite Etwasse, rechts und links nur Bäume. Ab und zu schimmert ein See durchs Dickicht. Ich radele durch eine enge, grüne Schlucht und bin heilfroh, dass ich mir die Abzweigepunkte auf dem GPS markiert habe. Hier müsste ich dann links, der Höhenlinie folgen … habe ich gerade mit mir selbst geredet, oder sind das die Gedanken, die sich im Hirn akustisch ausbreiten? … bis zur Kurve zickzack, dann geradeaus und an der nächsten Abzweigung wieder rechts. Ist das die Abzweigung? Ne? GPS rauskramen, nachschauen, ne, ich muss noch eine Fingerbreite weiterradeln. Huch, der Weg endet.
Tatsächlich hat meine Wunschabkürzungsroute in der Mitte ein Loch von etwa einem halben Kilometer, was ich bei der Grobansicht übersehen habe. Auf dem Minibildschirm des Smartphones ist die Lücke kaum einen Millimeter groß. Zum Glück führt ein zackiger Wanderweg über Stock und Stein. Ich muss schieben, dann sogar ein bisschen klettern. Der Pfad ist steinig. Äste liegen quer. Früher hätte es mir in so einer Situation vielleicht die Kehle eingeschnürt. Allein im Wald. Kilometerweit keine Menschenseele. Diese Stille. Miserabler Handy-Empfang. Kein Internet. Einmal falsch auftreten, umknicken und dann liegst du da.
Der Pfad ist steil. Die Straße auf der anderen Seite dieses Wurmlochs ist, GPS sei Dank, sichtlich nicht sehr weit.
Auf unserer Reise 1995 hätten wir diesen Weg nur durch Verirren finden können. Wir navigierten mit einer geschenkten Straßenkarte der Tankstellenkette OK, die nicht sehr detailliert war, aber tauglich. Meist fragten wir uns durch. Bloß hier? Hier gibt es niemanden, den man an einer Kreuzung fragen könnte, ob da oder da lang. Der kleine Verbindungspfad zwischen meinen beiden Sträßchen ist eher ein Gebirgstrail, denn ein Wanderweg. Über Felsen schiebe ich das fünfzig Kilo schwere Gespann durch den Fichtenwald, durchquere ein Rinnsal. Endlich wieder – nennen wir es – Straße. Sie führt vorbei an einem See namens Krabbsjön. Der Sverigeleden ist irgendwo ein paar Kilometer weiter nördlich. Es geht auf und ab. Ein Regenschauer jagt mich. Dann, plötzlich, wieder Teer, eine Hauptstraße sogar für wenige Kilometer, bis es wieder ins Outback geht. Irgendwo steht ein Schild: Ludvika 35 Kilometer. Der Tacho zeigt schon fast sechzig. Ich bin dennoch froh, nicht über den kurzen Weg auf der Hauptstraße geradelt zu sein. Weitere zehn Kilometer später sehe ich wieder ein Schild: Ludvika 39 Kilometer. Standhaft bleiben, Irgendlink, stell dir einfach vor, LKW überholen dich knapp und ihr Winddruck beutelt dich hin und her, dann bist du froh, hier zu sein. Es folgen Schotterpisten, Aufs und Abs, riesige Zivilisationslöcher zwischen winzigen Weilern, für die es nicht einmal genug Birken und Fichten gibt, um sie zu stopfen. Regenschauer immer wieder.
Ich frage mich, ob diese Strecke als Durchschnittsstrecke durchgeht, ob sie repräsentativ genug Schotterpisten, Steigungen und Gefälle hat und Regen und Gegenwind und all die Widrigkeiten, um als – sozusagen – Urmeter des Schwedenreisens zu gelten. Dann nämlich könnte ich den Zeitpunkt genau berechnen, an dem ich das Nordkap erreiche. Von Falun ist die Distanz nämlich verbrieft über den Sverigeleden berechenbar. Das PDF-Dokument, das ich aus dem Internet geladen habe, listet alle Streckenabschnitte des Sverigeledens und auch die jeweiligen Distanzen. Die nördlichen Routen sind überschaubar. Es gibt in dieser Breite nicht mehr allzuviele Alternativen, über die man radeln könnte. Noch 2300 Kilometer etwa sind es bis zum Kap (Genauer gesagt 2262,5, wenn man über Alta radelt und 2302,5 wenn man die Strecke durch Finnland über Karesuando radelt).
Exakt 2300,6 km stehen auch auf dem Tacho, als ich endlich bei dem Häuschen außerhalb Faluns einrolle, das Frau SoSo für eine Woche gemietet hat. Als hätte sie es geahnt, hat sie den Mittelpunkt der Reise ausfindig gemacht. Wenn das mal keine Intuition ist.
Dreiundzwanzig Gestern titele ich insgeheim diesen Blogeintrag. Aber eigentlich klingt auch das mit dem Urmeter ganz gut.

Das eBook entspricht etwa 164 Seiten im Format DIN A5.

Kaufen kannst Du es auf unserer eBook Produktseite.

Blick ins Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Montagsreise-Defekt
On The Road
The Omelette Situation
Begegnungen
Diese Wand
Bad Kreuznach – Bingen – Mainz – Frankfurt
Grenzen
Wegwahlabsolution
Zur Höhe des Gebirgs
Tausend Kilometer nass und kalt, so will es die Erinnerung
Im Pleistozän der Erinnerungen
Halle
Der zig Millionen-Lottojackpot in einem Kiosk an der Saale
Das muss so aussehen
Niegripp und Jerichow
Die drei 31. Junis – oder Höllenritt nach Rostock
Im Diebesgutlaster der Seele
Die Opportunitätskosten der Kunst
Fernwehleidig hinterherträumend dazugesellen
Von einem, der auszog, das Radwegen zu lernen
Kärrasand
Das perfekte Rund allen Stillstands
Hier, jetzt, warm, trocken, süße Musik
Innenansichten eines Europenner-Zeltlagers
Drinnen und draußen
Denkmal des unbekannten Lauthalses
Motala – es ist nicht wie du denkst, es ist, wie du es denken willst
Animiert, bespaßt und abgerutscht
Örebrooo
Irgendwie da durch gehen
Dreisprung nach Falun
Zerlegt, vermischt, rearrangiert
Der Urmeter des Schwedenreisens
Das iDogma auf die Spitze treiben – neue Postkarten und Ideen
Urban Artwalk Falun
Rumms
Übergang
Raus aus Falun
Junger Mann zum Mitreisen gesucht
Traktormuseum Järvsö
Navigation
Jenseits von Ramsele
Ein 87 Kilometer langer roland-emmerichesker Hechtsprung
Pumpe
Stille
Die am längsten geschlossene Tankstelle der Welt
Enge
Wie Davy Jones tausend Jahre verwachsen mit einem Ostseehafen
Das deutsche Klomannprinzip
Wie Landstraßen. Schrödingeresk befahren unbefahren
Rheinradeln im hohen Norden
Struve, Schmuggler, Tunichtgute
Die Sorge, ein Eisberg, deren Gipfel ein Ereignis ist
Kautokeino, nicht matt
Diesseits und jenseits zweier Atome
Im Norden nichts Neues
Ans Kap
Im Kap
Havøysund
Go Pilgrim Go But Slow
Nichts ist älter als der Blogbeitrag von gestern. Dennoch.
Eventualitäten
Im Blog
Im Reich der wilden Dienstnummern
Nachwort
Impressum

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